Fritz Lejeune

Lejeune Fritz, Prof. Dr.Dr. (*1.7.1892 Köln/Deutschland, +26.10.1966 Villach/Österreich), Arzt und Medizinhistoriker.

10900Image00005Fritz Lejeune studierte Medizin, Zahnheilkunde und vergleichende Sprachwissenschaften an den Universitäten Bonn und Greifswald. Nach seiner 1922 erfolgten Habilitation wurde er im selben Jahr Privatdozent für Geschichte der Medizin an der Universität Greifswald. Schon unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg engagierte er sich innerhalb nationalsozialistischer und völkischer Kreise und trat Anfang der 1920er Jahre der NSDAP bei. 1925 erhielt er einen Lehrauftrag für Geschichte der Medizin an der Universität Köln, wo er 1928 zum a.o. Professor ernannt wurde. Neben seiner Tätigkeit als Medizinhistoriker und praktischer Arzt war er als Vorsitzender der „Reichsnotgemeinschaft Deutscher Ärzte“ in einer der einflussreichsten ärztlichen Standesorganisation Deutschlands aktiv. Seine Einbindung in das Netzwerk der NS-Medizinbürokratie, vor allem seine Stellung in internationalen medizinhistorischen Gremien und NS-affinen wissenschaftlichen Foren, machten ihn zu einem Proponenten des Außen- und Propagandaministeriums und förderten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 seine weiteren Karriereschritte, die durch seine 1939 erfolgte Ernennung zum Leiter des Institutes für Geschichte der Medizin in Wien ihren Höhepunkt fand. Hier fungierte er als Nachfolger seines im März 1938 „vertriebenen“ Vorgängers Max Neuburger vom 22. Jänner 1940 bis April 1945 als Leiter des Institutes und als Leiter des Heeresstandortlazarettes in Hütteldorf/Wien.

Nach seiner überstürzten Flucht in der Nacht vom 2. auf dem 3. April 1945 erfolgte am 10. Mai 1945 seine Suspendierung durch das Dekanat der Medizinischen Fakultät Wien. Am 2. Juni 1945 wurde er vom „Staatsamt für Volksaufklärung, für Unterricht und Erziehung und für Kultusangelegenheiten“ seiner Stellung enthoben. Er flüchtete unter Mitnahme einer Reihe von wertvollen Büchern aus der Bibliothek des Josephinums nach Mitterndorf und wurde nach seiner Festnahme durch das US-Militär bis Ende 1946 im Internierungslager Glasenbach/Salzburg interniert und nach seiner Freilassung nach Deutschland abgeschoben. Nach seinen erfolglos gebliebenen Bemühungen in Deutschland im universitären Betrieb wieder Fuß zu fassen, widmete er sich ab 1953 als Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des „Deutschen Kinderschutzes (DSKB)“ dem Kinder- und Jugendschutz, wo er populäre Gesundheitsaufklärung betrieb und vehement gegen die seiner Meinung nach stattfindende „Verwahrlosung“ der Jugend in der Bundesrepublik Deutschland durch die Übernahme US-amerikanischer Lebensformen auftrat. Daneben war er maßgeblich an der Gründung sowie als Berater der „Deutschen Angestellten-Krankenkasse“ (DAK) beteiligt, womit er an seine Aktivitäten als ärztlicher Standespolitiker in der Weimarer Republik anschloss. Seit Mitte der 1950er Jahre war er in der frühen Antiatombewegung aktiv. 1965 übersiedelte Lejeune nach Villach, wo er 1966 verstarb.

Durch Lejeune kam es zwischen 1940 und 1945 zu einer beträchtlichen Erweiterung des Bibliotheksbestandes. Diese Zuwächse resultierten sowohl durch die finanzielle Förderung des Institutes ab 1940, die eine großzügige Einkaufspolitik ermöglichte als auch durch die Überlassung von Büchern aus seiner Privatbibliothek (Exlibris), die er nach seinem Amtsantritt in die Instituts-Bibliothek einbrachte. In der Erwerbungspolitik für die Instituts-Bibliothek präferierte er Wiener Antiquariate, die im boomenden NS-Bücherraub („Arisierungen“) involviert waren. Unter diesen bevorzugte er das durch mehrfache „Arisierungen“ 1938/39 hervorgegangene Wiener NS-Antiquariat „Alfred Wolf“. Neben seiner Tätigkeit am Institut engagierte sich Lejeune zwischen 1940 und 1944, entsprechend der ideologischen Aufwertung der NS-Medizingeschichte, als Initiator beim Aufbau medizinhistorischer Bibliotheken und als Vermittler und Lieferant medizinhistorischer Bücher.

Literatur:

Schmierer Klaus, Medizingeschichte und Politik. Karrieren des Fritz Lejeune in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus (Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften 96), Husum 2001.

Mentzel Walter, Wiener NS-Antiquariate und ihre Rolle im Bücherraub. Oder: Wie Antiquariate von der Judenverfolgung profitierten. Ein Forschungsbericht. In: Bruno Bauer – Christina Köstner-Pemsel – Markus Stumpf, NS-Provenienzforschung an österreichischen Bibliotheken: Anspruch und Wirklichkeit, (Schriften der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare 10), Graz – Feldkirch 2011, S. 65-82.

Mentzel Walter, Bauer Bruno, Brüche in der Entwicklung medizinischer Bibliotheken in Wien während des NS-Regimes: Anmerkungen zur Geschichte der Vorgängerbibliotheken der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien. In: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchiv“ (MÖSTA), erscheint als Sonderband 2013.

Mentzel Walter, Albrecht Harald, Die „Antiquariats- und Exportbuchhandlung Alfred Wolf“ – ehemals Hans Peter Kraus und Leo Weiser. Die Geschichte eines Raubunternehmens. In: NS-Raubgut in Museen, Bibliotheken und Archiven. Viertes Hannoversches Symposium (hrsg. von Regine Dehnel), (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderband 108), Frankfurt am Main 2012, S.441-454.

 Quellen:

Archiv der Universität Wien, Personalakt Fritz Lejeune.

Archiv der Universität Wien Medizinische Fakultät, Dekanat, Zl. 323/1941-42

Sammlungen der Medizinischen Universität Wien, Handschriftensammlung, Mappe Fritz Lejeune sowie diverse einzelne Konvolute.

Archiv des ehemaligen Institutes für Geschichte der Medizin, diverse Aktenordner, ex 1939-1945.

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